Im Jahr 2000 formulierten die europäischen Staats- und Regierungschefs mit der Lissabon-Strategie einen außergewöhnlich klaren Anspruch: Bis 2010 sollte die Europäische Union zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt“ werden. Dieser Geist der Selbstbehauptung war weniger ein technisches Programm als ein politisches Selbstverständnis. Heute sind wir weit davon entfernt. Aber in einer Ära globaler Instabilität und bröckelnder transatlantischer Gewissheiten, braucht die EU eine Neuauflage dieser Entschlossenheit. Wir benötigen eine strategische Agenda für das kommende Jahrzehnt, die Handlungsfähigkeit über kleinteiliges Flickwerk stellt. Und wir Europäer müssen uns an die neuen Gegebenheiten anpassen, uns über unsere Interessen klar werden und für diese weltweit geschlossen eintreten.
Der natürliche Ausgangspunkt bleibt der Binnenmarkt. Er ist unsere größte Ressource, wird jedoch noch immer durch nationale Sonderwege und divergierende Rechtsanwendungen fragmentiert. Die grenzüberschreitende Tätigkeit von Unternehmen ist vielfach administrativer Komplexität unterworfen, die einem echten Binnenmarkt widerspricht. Um europäische Weltunternehmen hervorbringen zu können, müssen wir einheitliche Rahmenbedingungen schaffen. Gleichzeitig braucht es einen Kurswechsel in der Regulierung: weg von lähmenden Berichtspflichten, hin zu Planungssicherheit und einer ehrlichen Überprüfung des Regulierungsbestands.
Doch ökonomische Stärke allein greift zu kurz, solange institutionelle Blockaden unsere Souveränität begrenzen. Nationale Vetos in zentralen strategischen Fragen machen die Union langsamer als ihre globalen Wettbewerber und schwächen ihre Glaubwürdigkeit nach innen. Europa benötigt den Mut, neue Formen differenzierter Integration entschlossen zu nutzen: Projektbezogene „Koalitionen der Willigen“ können neue Integrationspfade öffnen und die Effektivität der Union dort stärken, wo der breite Konsens noch fehlt.
Parallel dazu erfordert die geopolitische Lage eine neue Wehrhaftigkeit. Die Zersplitterung der europäischen Verteidigungsindustrie mindert unsere Schlagkraft. Notwendig sind stärkere Standardisierung, echte gemeinsame Beschaffung und ein funktionierender Rüstungsbinnenmarkt.
Europa steht nicht am Ende seiner Möglichkeiten, sondern am Beginn einer neuen Ära. Der Geist von Lissabon muss heute wieder unser Handeln leiten. Das bedeutet: Wir brauchen strategische Weitsicht statt taktischer Manöver und das gemeinsame europäische Interesse statt nationaler Egoismen. Nur mit dieser Klarheit wird Europa seine Souveränität behaupten und als wettbewerbsstarker Akteur die Welt von morgen mitgestalten.